Jagdschloss Gelbensande | Bestandssicherung und denkmalgerechte Sanierung

Aufmaß seit 23.12.1993

Bevor an Sanierung oder Nutzungskonzept überhaupt zu denken war, musste das Jagdschloss in seinem Bestand erst einmal durch traditionell örtlich aufgemessen und für die planerische Weiterbearbeitung dargestellt werden. Am 23.12.1993 begannen bis zu drei Kollegen und freie Mitarbeiter von Bräuer Architekten Rostock mit dem örtlichen Handaufmaß des Gebäudes – ganz ohne Laserscanner und Punktwolken: mit Stahlbandmaß, Messstange, Zollstock und Nivelliergerät, Zentimeter für Zentimeter, und mit sehr viel Papier für die handschriftlichen Messprotokolle. Diese frühen, in reiner Handarbeit erstellten Bestandspläne bildeten die Grundlage für alle späteren Sanierungsschritte – vom ersten Dachbauabschnitt 1997 bis zum fünften Bauabschnitt im Jahr 2000. Heute würden digitale 3D-Laserscanner wie zum Beispiel unser Leica BLK360 G2 diese Arbeit in einem Bruchteil der Zeit übernehmen – doch damals wie heute - das Prinzip ist geblieben: Nur ein präzises Aufmaß schafft die sichere Grundlage für alles, was an Architektenleistung ob Planung oder Ausführung danach kommt.

Sanierung seit 1997

Rund 15 Kilometer östlich von Rostock, eingebettet in die Rostocker Heide – mit ihren 11.000 Hektar der größte Küstenwald Deutschlands – liegt das Jagdschloss Gelbensande. Großherzog Friedrich Franz III. und seine Gemahlin Anastasia, geborene Großfürstin von Russland, fanden hier in ihrem bevorzugten Jagdrevier den Standort für ihre Sommerresidenz – nicht zuletzt wegen des einzigartigen Wald- und Seeklimas, das dem zeitlebens asthmakranken Großherzog spürbare Linderung verschaffte.

Bau und Baumeister

Anfang der 1880er-Jahre beauftragte Friedrich Franz III. den Hofbaumeister Gotthilf Ludwig Möckel mit dem Entwurf. Grundsteinlegung war am 1. Mai 1885, die Ausstattung wurde 1887 vollendet – im englischen Landhausstil mit neogotischen Anklängen, nachweislich als Vorläufer des späteren Schlosses Cecilienhof in Potsdam. Möckel, gebürtig aus Zwickau und ausgebildet am Polytechnikum Hannover, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Kirchenbauten in Berlin, Danzig und Smyrna sowie das Ständehaus Rostock realisiert – das Jagdschloss zählt zu seinen bedeutendsten Profanbauten. Da sich der russische Großfürst Michail Nikolajewitsch Romanow, Vater der Großherzogin, an der Finanzierung beteiligte, flossen auf seinen Wunsch russische Gestaltungselemente ein: die hölzerne Überdachung des Haupteingangs nach Vorbild russischer Bojarenhäuser sowie der Zarenadler als Zierelement an mehreren Stellen des Gebäudes.

Fürstliche Familie und wechselvolle Geschichte

Bis 1944 diente das Jagdschloss der großherzoglichen Familie als Sommerresidenz. Hier verlobte sich am 4. September 1904 Prinzessin Cecilie, die 1886 im Schloss geborene jüngste Tochter Friedrich Franz' III., mit Kronprinz Wilhelm von Preußen, dem Sohn Kaiser Wilhelms II. Im Mai 1945 richtete die Wehrmacht kurzfristig ein Hilfslazarett für rund 750 aus Pommern evakuierte Verwundete im leerstehenden Schloss ein; die auf dem nahe gelegenen Waldfriedhof bestatteten Toten – Deutsche ebenso wie Rumänen, Polen, Italiener, Balten, Ukrainer und russische Soldaten – erinnern bis heute als Kriegsgräberstätte an diese Zeit. Danach diente das Gebäude als Tbc-Heilstätte, bis in die 1980er-Jahre als Krankenhaus und Pflegeheim, ab 1985 als Domizil der Gemeindeverwaltung.

Vom Verfall zur Rettung: Der Förderverein

Nach der Wende 1989 scheiterten mehrere Privatisierungsversuche; über vier Jahre stand das Schloss leer und drohte zu verfallen. Erst im Herbst 1995 gründete sich aus engagierten Bürgern der Rostocker Heide der Förderverein Jagdschloss Gelbensande e.V., dem es gelang, die Gemeinde für ihre Verantwortung zu gewinnen.

Bauliche Sicherung in Bauabschnitten

Ab Spätherbst 1996 arbeiteten wir mit der Gemeinde an den Grundlagen für Bausubstanz-Sicherung und Nutzungsentwicklung – aufbauend auf dem Handaufmaß von 1993. Am 16.01.1997 beschloss die Gemeinde die vollständige Dachrekonstruktion in vier bis fünf Jahresabschnitten, am 20.02.1997 folgte die "Allgemeine Nutzungskonzeption" mit öffentlicher Nutzung des repräsentativen Erdgeschosses, gastronomischer Nutzung des Souterrains und Wohnnutzung der oberen Geschosse. Im ersten Bauabschnitt wurden Dach des Westteils sowie Teile des Hauptdaches saniert, das Tragwerk stabilisiert, neu eingedeckt und die aufwendigen Dachklempnerarbeiten ausgeführt. Ein fünfter Bauabschnitt im Jahr 2000 umfasste die Sanierung der Nordwest-Seite des Hauptdaches (ca. 175 m²) mit dem Treppenhaus als Zwerchgiebel, zwei nach historischen Vorlagen rekonstruierten Schornsteinköpfen, drei Dachgauben, dem Eingangsvorbau, einem Schleppdach an der Westseite sowie dem Mittelbalkon auf der Südseite.

Kulturelles Zentrum der Rostocker Heide

Aus dem gesicherten Erdgeschoss wurde weit mehr als ein restauriertes Denkmal: Musik-, Kabarett-, Theater- und Literaturveranstaltungen, Gesprächsrunden mit Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft sowie ständige und wechselnde Ausstellungen brachten dem Jagdschloss wachsende öffentliche Aufmerksamkeit. Beim Tag des offenen Denkmals 1997 kamen bereits über 450 Besucher, beim Schlossfest im August 1998 mehr als 1.500. Seit Mai 1998 finden im Jagdschloss zudem standesamtliche Trauungen statt.

Heute

2008 ging das Jagdschloss in privates Eigentum über und wird seither als Veranstaltungsort für Hochzeiten und Feiern genutzt. Der von uns gesicherte bauliche Grundbestand und die denkmalgerecht restaurierte Substanz bilden bis heute die Grundlage für diese weiterhin lebendige Nutzung des Gebäudes.

Daten und Fakten:

Bauvorhaben Jagdschloss Gelbensande | Sanierung
Bauherr Gemeinde Gelbensande
Baukosten ca.1,6 Mio. €
BGF ca. 2.000 m²
BRI ca. 8.000 m³
Planungsphasen 0, 1–8, 9 HOAI
Aufmaß 1993
Planung 1995-1996
Realisierung 1997 (5 Jahre)
Kostenfeststellung ca. 2,56 Mio. €