Aufmass | Denkmalgerechtes | Hangar 2 in Pütnitz – Bestandsdokumentation 2017

Hangar 2 auf dem ehemaligen Fliegerhorst Pütnitz – ein Bauwerk als Zeugnis deutscher und europäischer Zeitgeschichte

Monumental, funktional und auf den ersten Blick fast schmucklos: Die großen Flugzeughallen des ehemaligen Fliegerhorstes Pütnitz bei Ribnitz-Damgarten gehören zu jenen Baudenkmalen, deren Bedeutung sich weniger aus repräsentativer Architektur als aus ihrer Geschichte, ihrer Konstruktion und ihrer außergewöhnlichen Nutzung ableitet.

Der 2017 denkmalgerecht aufgemessene Hangar 2 ist Bestandteil eines weitläufigen militärhistorischen Ensembles am Ribnitzer See. Der ehemalige See- und Landfliegerhorst entstand ab 1935 und wurde zunächst durch die deutsche Luftwaffe genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Pütnitz zu einem bedeutenden Standort der sowjetischen Luftstreitkräfte in der DDR. Erst 1994 endete die militärische Nutzung.

Damit verkörpert der Standort auf ungewöhnlich unmittelbare Weise zwei aufeinanderfolgende Epochen deutscher und europäischer Militärgeschichte: Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg einerseits sowie sowjetische Militärpräsenz und Kalter Krieg andererseits.

Das denkmalgerechte Aufmaß von Hangar 2 im Jahr 2017 war deshalb weit mehr als die geometrische Erfassung einer großen Flugzeughalle. Es war die Dokumentation eines historischen Bauwerks, dessen Konstruktion, Veränderungen, Gebrauchsspuren und Dimensionen selbst zu Quellen der Geschichte geworden sind.

Der Fliegerhorst Pütnitz – Militärgeschichte am Ribnitzer See

Entstehung des See- und Landfliegerhorstes ab 1935

Die Geschichte des Flugplatzes Pütnitz begann Mitte der 1930er Jahre. Auf Flächen des ehemaligen Gutes Pütnitz wurde ab 1935 ein kombinierter See- und Landfliegerhorst errichtet. Seine Lage unmittelbar am Ribnitzer See ermöglichte die Nutzung sowohl durch Land- als auch durch Wasserflugzeuge.

Im westlichen Bereich entstanden mehrere große Flugzeughallen. Zur Seeflugstation gehörten fünf Hallen sowie weitere technische Einrichtungen und Ablaufbahnen, über die Wasserflugzeuge unmittelbar in den Bodden gelangen konnten.

Die Anlage war Bestandteil der umfangreichen militärischen Aufrüstung des nationalsozialistischen Deutschlands. Pütnitz wurde Ausbildungsstandort der Luftwaffe und stand zugleich in Verbindung mit der regionalen Flugzeugindustrie. Auf der gegenüberliegenden Seite des Boddens befanden sich die Bachmann-Werke in Ribnitz, die unter anderem als Reparaturbetrieb für Flugzeuge tätig waren.

Damit war Pütnitz nicht lediglich ein Flugplatz. Der Standort bildete ein komplexes System aus Flugfeld, Hallen, Werkstätten, Unterkünften, Verkehrswegen und technischer Infrastruktur.

Die großen Flugzeughallen als technische Architektur

Die Hangars entstanden nicht als repräsentative Gebäude. Ihre Architektur folgt konsequent ihrer Funktion.

Flugzeuge benötigen große, möglichst stützenfreie Räume. Daraus ergeben sich erhebliche Spannweiten, große Toröffnungen und entsprechend leistungsfähige Tragkonstruktionen. Die Dimension des Gebäudes wird damit unmittelbar durch die Technik bestimmt, die es aufnehmen sollte.

Gerade diese Verbindung von Konstruktion und Nutzung macht historische Flugzeughallen aus bauhistorischer Sicht interessant.

Die Architektur erzählt gewissermaßen ihre Funktion selbst.

Wer einen solchen Hangar betritt, erlebt nicht zunächst Fassade und Ornament, sondern Raum, Spannweite, Konstruktion und Dimension.

Vom Fliegerhorst der Luftwaffe zum sowjetischen Militärstandort

Pütnitz nach 1945

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlor der Fliegerhorst zunächst seine ursprüngliche Funktion. Nach einer kurzen zivilen Zwischennutzung wurde das Gelände Anfang der 1950er Jahre erneut militärisch genutzt.

Ab 1952 entwickelte sich Pütnitz zu einem bedeutenden Standort der sowjetischen Streitkräfte. In den folgenden Jahrzehnten wurden vorhandene Anlagen weitergenutzt, verändert und durch neue militärische Infrastruktur ergänzt.

Start- und Landebahnen, Rollwege, Schutzbauten, technische Anlagen und Unterkünfte bildeten schließlich eine nahezu eigenständige militärische Stadt.

Über vier Jahrzehnte sowjetischer Nutzung hinterließen dabei ihre Spuren auch an den Gebäuden aus der Entstehungszeit des Fliegerhorstes.

Ein Gebäude – verschiedene historische Schichten

Gerade für die Denkmalpflege ist dieser Umstand von besonderer Bedeutung.

Ein historisches Gebäude besitzt nicht zwangsläufig nur einen einzigen „richtigen“ Zustand. Umbauten, Reparaturen und Nutzungsspuren können selbst Bestandteil seiner Geschichte werden.

Bei Hangar 2 treffen daher verschiedene Zeitschichten aufeinander:

die ursprüngliche Konstruktion der 1930er Jahre,

die Nutzung während des Zweiten Weltkriegs,

die jahrzehntelange sowjetische Militärnutzung,

Veränderungen und Reparaturen während dieser Zeit

und schließlich die zivile Nachnutzung nach dem Abzug der Streitkräfte.

Denkmalpflege bedeutet deshalb nicht automatisch, ein Gebäude auf seinen vermeintlichen Ursprungszustand zurückzuführen. Vielmehr muss zunächst erkannt und bewertet werden, welche Veränderungen selbst historischen Zeugniswert besitzen.

Genau an dieser Stelle gewinnt eine sorgfältige Bestandsaufnahme ihre besondere Bedeutung.

Das denkmalgerechte Aufmaß von Hangar 2 im Jahr 2017

Vermessen bedeutet zunächst verstehen

2017 wurde Hangar 2 umfassend aufgemessen und baulich dokumentiert.

Bei einem Gebäude dieser Größenordnung besteht die Aufgabe nicht allein darin, Länge, Breite und Höhe zu bestimmen. Erfasst werden müssen die räumlichen und konstruktiven Zusammenhänge des gesamten Bauwerks.

Dazu gehören insbesondere die Gebäudegeometrie, Tragkonstruktion, Hallenhöhen, Wand- und Öffnungsstrukturen, Toranlagen, Nebenbereiche sowie vorhandene Veränderungen und Abweichungen vom geometrischen Idealzustand.

Gerade historische Zweckbauten zeigen häufig, dass theoretische Planung und tatsächlich vorhandener Bestand voneinander abweichen.

Setzungen, Verformungen, Reparaturen, nachträgliche Einbauten und Nutzungsänderungen hinterlassen Spuren.

Ein denkmalgerechtes Aufmaß dokumentiert deshalb nicht das Gebäude, wie es einmal geplant gewesen sein könnte, sondern das Gebäude, wie es tatsächlich vorhanden ist.

Grundlage für Sanierung und konstruktive Untersuchungen

Die Bestandsaufnahme stand 2017 in engem Zusammenhang mit Überlegungen zur Sicherung und zukünftigen Nutzung des Hangars. Für Hangar 2 wurde eine Machbarkeitsstudie zur Sanierungswürdigkeit und Umsetzbarkeit vorbereitet; Untersuchungen beschäftigten sich unter anderem mit dem Tragwerk und der Möglichkeit, den ursprünglichen stützenfreien Raumeindruck zu bewahren.

Damit erhält das Aufmaß eine unmittelbar praktische Funktion.

Bevor ein historisches Tragwerk beurteilt, saniert oder verändert werden kann, muss seine tatsächliche Geometrie bekannt sein. Bestandspläne werden zur gemeinsamen Arbeitsgrundlage für Architekten, Tragwerksplaner, Restauratoren und Denkmalpfleger.

Warum historische Aufmaße für die Denkmalpflege so wertvoll sind

Das Aufmaß konserviert einen Zeitpunkt

Jede Bauaufnahme besitzt einen Zeitstempel.

Die Dokumentation von 2017 zeigt Hangar 2 in genau jenem Zustand, in dem sich das Gebäude zu diesem Zeitpunkt befand.

Das klingt zunächst selbstverständlich, ist aus bauhistorischer Sicht jedoch von erheblicher Bedeutung.

Gebäude verändern sich kontinuierlich. Bauteile werden saniert, Schäden beseitigt, Einbauten entfernt oder ergänzt. Selbst denkmalgerechte Restaurierungen verändern zwangsläufig den vorgefundenen Bestand.

Eine sorgfältige Bauaufnahme konserviert deshalb zumindest zeichnerisch und messtechnisch einen Zustand, der später möglicherweise nicht mehr existiert.

Das Aufmaß wird damit selbst zum historischen Dokument.

Bestandspläne als Quellen der zukünftigen Bauforschung

Je größer der zeitliche Abstand wird, desto bedeutender können solche Unterlagen werden.

Ein Aufmaß, das zunächst ausschließlich für eine konkrete Sanierungsplanung angefertigt wurde, kann Jahrzehnte später Antworten auf völlig andere Fragen liefern:

Welche Bauteile waren 2017 noch vorhanden?

Welche Veränderungen waren bereits erfolgt?

Welche Konstruktionen wurden später ersetzt?

Wie sahen bestimmte Öffnungen oder Raumstrukturen aus?

Welche Verformungen waren bereits vorhanden?

Damit erhält eine sorgfältige Bestandsdokumentation einen Wert, der weit über die ursprüngliche Planungsaufgabe hinausreicht.

Pütnitz als unbequemer, aber wichtiger Erinnerungsort

Denkmalpflege bedeutet nicht Verherrlichung

Militärische Baudenkmale stellen die Denkmalpflege vor eine besondere Aufgabe.

Die Erhaltung eines ehemaligen Fliegerhorstes bedeutet selbstverständlich keine Würdigung des politischen Systems, das ihn errichtet oder genutzt hat.

Denkmale können vielmehr gerade deshalb erhalten werden, weil sie von schwierigen und widersprüchlichen Kapiteln der Geschichte berichten.

Pütnitz ist dafür ein besonders eindrucksvolles Beispiel.

Der Standort erzählt von nationalsozialistischer Aufrüstung und Krieg, von militärischer Technologie und den Bedingungen ihrer Herstellung und Nutzung. Später wurde derselbe Ort Bestandteil der sowjetischen Militärpräsenz in der DDR und damit des militärischen Systems des Kalten Krieges.

Die baulichen Zeugnisse verbinden diese unterschiedlichen historischen Ebenen miteinander.

Sie machen Geschichte räumlich erfahrbar.

Architektur als Primärquelle

Archive bewahren Schriftstücke.

Museen bewahren Gegenstände.

Historische Gebäude bewahren Räume.

Gerade darin liegt ihre besondere Wirkung.

Die enorme Spannweite einer Flugzeughalle, die Dimension ihrer Tore oder die Größe der befestigten Flächen vermitteln Größenordnungen militärischer Infrastruktur, die sich aus Akten oder Fotografien allein nur schwer erschließen lassen.

Das Bauwerk wird dadurch selbst zur historischen Quelle.

Ein präzises Aufmaß übersetzt diese dreidimensionale Quelle in eine dauerhaft nutzbare Dokumentation.

Vom Aufmaß 2017 zum digitalen Baudenkmal

Historische Dokumentation und moderne Vermessung

Die Methoden der Bauaufnahme haben sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Moderne 3D-Laserscanner können heute innerhalb kurzer Zeit Millionen von Messpunkten erfassen. Aus den entstehenden Punktwolken lassen sich Grundrisse, Schnitte, Ansichten und dreidimensionale Gebäudemodelle entwickeln.

Gerade bei großvolumigen und konstruktiv anspruchsvollen Bauwerken wie Hangar 2 bietet die digitale Bestandserfassung erhebliche Vorteile.

Doch unabhängig von der eingesetzten Technik bleibt das eigentliche Ziel unverändert:

Der Bestand muss verstanden, bewertet und nachvollziehbar dokumentiert werden.

Ein Laserscan allein ist noch keine bauhistorische Dokumentation. Erst die fachgerechte Interpretation und Überführung der Messdaten in verständliche Bestandsunterlagen macht aus Millionen Messpunkten eine nutzbare Grundlage für Planung und Denkmalpflege.

Denkmalgerechtes Aufmaß als Verantwortung gegenüber dem Bestand

Das Aufmaß von Hangar 2 aus dem Jahr 2017 steht exemplarisch für eine Aufgabe, die bei historischen Gebäuden häufig unterschätzt wird.

Bevor über Umbau, Sanierung oder neue Nutzung entschieden wird, muss bekannt sein, was tatsächlich vorhanden ist.

Gerade bei einem militärhistorischen Denkmal wie Pütnitz bedeutet dies mehr als geometrische Genauigkeit.

Es geht darum, Konstruktionen, Veränderungen und historische Spuren zu erkennen und nachvollziehbar zu dokumentieren.

Das Aufmaß bildet damit die Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft eines Gebäudes.

Fazit – Dokumentieren heißt bewahren

Hangar 2 in Pütnitz ist kein Baudenkmal im klassischen Sinne eines Schlosses, einer Kirche oder eines repräsentativen Bürgerhauses. Seine Bedeutung liegt gerade in seiner Zweckbestimmung, seiner technischen Konstruktion und seiner außergewöhnlichen Geschichte.

Das Gebäude erzählt von Luftfahrttechnik, militärischer Infrastruktur, Krieg und Kaltem Krieg – und von der Frage, wie eine Gesellschaft mit den baulichen Hinterlassenschaften dieser Geschichte umgeht.

Das denkmalgerechte Aufmaß von 2017 dokumentiert einen konkreten Zustand dieses historischen Bauwerks und schafft damit eine belastbare Grundlage für Sanierung, Forschung und zukünftige Nutzung.

Sein Wert reicht jedoch darüber hinaus.

Denn jede sorgfältige Bestandsaufnahme eines Denkmals bewahrt Informationen, die durch spätere Veränderungen unwiederbringlich verloren gehen können.

Denkmalgerechtes Aufmaß bedeutet deshalb nicht nur Vermessen. Es bedeutet Dokumentieren, Verstehen und Bewahren.

Und manchmal beginnt die Erhaltung eines Denkmals nicht mit der ersten Sanierungsmaßnahme, sondern mit einer wesentlich grundlegenderen Aufgabe:

mit dem genauen Hinsehen.